Die vierzehn Kreuzwegstationen sind ein uraltes Hilfsmittel, um das Leiden Christi zu betrachten. Jede Station zeigt uns anschaulich, was der Herr für uns gelitten hat und stellt uns den leidenden Herrn vor Augen. So hilft der Kreuzweg, mitzufühlen mit dem leidenden Herrn, Glauben zu erwecken an die Kraft seines Leidens. Die Bilder des Schmerzensmannes wecken in uns die Hoffnung, dass dieses Leid uns heilt und wir gerettet werden, um dieser Leiden willen und die Kreuzwegstationen bewegen jedes gläubige Herz dazu, den zu lieben, der solches für uns gelitten hat und die Liebe Christi, die sich in den Leiden zeigt, mit unserer Liebe zu vergelten.
Ähnlich wie die Kreuzwegstationen zeigt auch das Turiner Grabtuch die Stationen des Leidens Christi. Die einzelnen Stationen sind zwar nicht so klar durchnummeriert wie die des Kreuzweges, dafür sind sie nicht bloß das Werk eines menschlichen Künstlers. Auf den Kreuzwegstationen sehen wir, wie der jeweilige Künstler sich die Szene aus dem Leiden Christi vorstellt. Er schmückt sie aus und stellt sie anschaulich dar. Ob es aber wirklich so war, wissen wir nicht.
Was uns dagegen das Turiner Grabtuch zeigt, ist nicht die Phantasie eines menschlichen Künstlers mit Öl auf Leinwand gemalt. Was wir auf dem Turiner Grabtuch sehen, ist ein Abbild, das der Herr selber uns gegeben hat. Es zeigt direkt und ohne künstlersiche Symbolik, was der Herr für uns geltten hat. Hier stehen wir direkt seinen Wunden gegenüber. Darum können wir durch die Betrachtung des Grabtuchs einen viel direkteren Zugang zum leidenden Herrn finden als durch jedes Hilfsmittel. Vor allem sieben Stationen des Leidens Christi können wir am Grabtuch erkennen: Die Geißelung, die Dornenkrönung, das Kreuztragen, den Fall unter das Kreuz, die Annagelung der Hände, die Annagelung der Füße und den Tod Jesu.
Erste Station: Die Geißelung
Die erste Station des Leidens Christi, die das Grabtuch uns zeigt, ist die Geißelung. Das rückseitige Abbild des Grabtuchs stellt die Wunden der 39 Geißelhiebe vor unsere Augen. Die Geißeln hatten drei Lederriemen, an denen hantelförmige Bleistücke befestigt waren. Schultern, Rücken, Lenden und Oberschenkel sind übersät mit 117 hantelförmigen Wunden, die die Geißelung zurückgelassen hat. 39 Hiebe hat nicht ein einzelner Henkersknecht Christus zugefügt. Die Wunden lassen erkennen, dass die Schläge aus zwei Richtungen stammen. Zwar sehen wir die beiden Folterknechte nicht und auch nicht die Geißeln in ihrer Hand, aber wir sehen was sie unserem Herrn angetan haben. Das Blut rann ihm von den Schultern bis zur Erde.
Zweite Station: Dornenkrönung
Als der Herr im Grabtuch lag, hat er die Spuren der Dornenkrone ins Tuch eingeschrieben. Im Osten waren die Kronen der Herrscher eher Prunkhauben als Stirnreife so müssen wir uns die Dornenkrone des Herrn nicht nur als einen Stirnreif vorstellen, sondern als eine Dornenhaube, die das ganze Haupt umschloss. Die ganze Kopfhaut ist von Wunden übersäht. Zwischen Nacken und Stirn sehen wir große Blutstropfen. Dieses Blut stammt aus den Wunden, die die Dornenkrone dem Herrn zugefügt hat. Es zeichnet eine 3 auf seine Stirn, es verklebt sein Haar. Dem Mutwillen der Soldaten genügte aber eine Dornenkrone nicht. Das Grabtuch zeigt uns, dass Unterlippe, Stirn, Augenbrauen und die rechte Schläfe des Herrn geschwollen sind. Als die Soldaten ihn verspotteten: "Sei gegrüßt, König der Juden!" da schlugen sie ihm auch ins Gesicht.
Dritte Station: Kreuztragung
Die Schulter Christi ist aufgerieben. Die Wunde reicht bis herab zum Rücken. Das ist die Spur, die der ca. 40 Kg schwere Querbalken des Kreuzes zurückgelassen hat. Christus war mit seinen Armen an diesen Querbalken gebunden. Der Balken lag auf den Schultern auf und wippte während des Kreuzweges auf seinen Schultern und quälte den Herrn mit seinen Kanten. Auf dem Grabtuch erkennen wir, dass die Wunde, die dieser Balken zurückgelassen hat, leicht schräg über den Rücken verläuft, denn Christus war auf der einen Seite mit seinen Schächern zusammengebunden.
Vierte Station: Der Fall unter dem Kreuz
Nicht nur auf Schulter und Rücken hat der Kreuzweg Spuren hinterlassen, sondern auch an den Knien und im Gesicht. Christus fiel mehrmals auf seine Knie, sie sind nur noch eine einzige Wunde. Die Wunden an seinen Beinen sind mit Staub überkrustet. Aber auch am Blut der Wunde seiner gebrochenen Nase klebt Straßenstaub aus Jerusalem. Der Herr muß mit seinem Fall mit dem Gesicht auf die Straße gefallen sein und sich die Nase dabei gebrochen haben! Die Arme waren am Querbalken festgebunden. So konnte Christus sich beim Fall nicht mit den Armen stützen.
Fünfte Station: Annagelung der Hände
Das Grabtuch zeigt uns an seinen Handgelenken die Wunden der Nägel. Wir sehen nur vier Finger. Der Daumen ist eingeklappt. Wer am Handgelenk einen Nagel einschlägt, verletzt den Mediannerv. Unwillkürlich klappt dann der Daumen in den Handteller. Ein unsagbarer blitzartiger Schmerz springt vom Handgelenk in die Finger und in die Schultern. Die Verletzung der Hauptnervenstränge ist der unerträglichste Schmerz, den ein Mensch empfinden kann. Der Nagel, der beim Einschlag den Nerv verletzt hatte, blieb in der Wunde. Als Jesus am Querbalken festgenagelt war, nahmen die Henker den Querbalken mit dem angenagelten Herrn und hoben ihn auf den Pfahl hinauf, der schon auf Kalvaria stand. Dabei zerrten sie an seinen angenagelten Händen. Das ganze Körpergewicht hängt an den beiden Nägeln. Dabei reibt sich der verletzte Nerv am Nagel und löst fürchterliche Schmerzen aus.
Sechste Station. Annagelung der Füße
Auch die Füße Jesu sind durchbohrt. Sie waren nicht auf eine Fußstütze genagelt, sondern direkt an den Längsbalken. Der linke Fuß Jesu wurde vor den rechten gelegt und beide mit einem Nagel zusammen angenagelt.
Siebte Station: Der Tod Jesu
Die Seitenwunde auf dem Grabtuch gibt uns indirekt Auskunft über den Tod Jesu. Sie ist ist zwar erst nach dem Tod Jesu entstanden, sie dokumentiert aber, was im Augenblick des Todes Jesu geschah. Das Grabtuch zeigt, dass an dieser Stelle das meiste Blut floss, aber auch wässriges Serum.
Die Mediziner erklären diese Mischung aus Blut und Serum, als die Folge einer Herzruptur. Die Herzwand Jesu ist gebrochen, das Blut aus dem Herzen ergoss sich in den Herzbeutel. Das im Herzbeutel angesammelte Blut gerann nicht, sondern zersetzte sich in Serum und Blutkörperchen. Als die Lanze des Soldaten zwischen der fünften und sechsten Rippe schräg nach oben stach, traf sie den Herzbeutel und den vorderen rechten Vorhof des Herzens und Wasser und Blutkörperchen traten aus dem Herzbeutel aus. So öffnete uns der Herr sein Herz, noch bevor der Soldat es mit der Lanze öffnete. Zuerst brach seine Herzwand, erst einige Zeit später kamen die Soldaten.
Glaube, Hoffnung, Lieben
Wenn wir diese Stationen des Herrn Christi anhand des Grabtuchs betrachten, dann sollten sie uns anregen zu glauben, zu hoffen, und zu lieben. Was der Herr für uns gelitten hat, führt nicht automatisch in den Himmel. Es nützt uns nur, wenn wir uns mit dem Leiden Christi verbinden. Und das geschieht zuallererst durch den Glauben, durch die Hoffnung, durch die Liebe und ganz besonders durch die Sakramente.
.... Als Auszug Quelle: Pater Gerd Heumesser
